vom 30.12.2003
Blick hinter die Fassade
Bilder von Philipp Weber in Frankfurter Galerie Gering
Was haben sie denn? Warum sehen sie so bekümmert aus? Ist ihnen das Lächeln vergangen?
Stephanie und Nina, ihr beiden elfengleichen Cheerleader-Mädchen, wo ist denn die ausgelassene
Fröhlichkeit, die ihr sonst immer ausstrahlt?
In Ulrich Gerings Frankfurter Galerie ist nichts, wie es sein sollte. Dort gibt es nämlich diesmal
einen, der aufräumt. Zum Beispiel mit der gängigen Meinung, all jene hübschen jungen Leute
hätten sich ihre Castings, ihr aus sämtlichen Knopflöchern strahlendes Lächeln selbst eingebrockt
und verdienen es nicht besser. Das sich dahinter oft nicht nur harte Arbeit, sondern auch eine
antrainierte Maske verbirgt, nicht selten auch ein wie immer eingeübter Drill, vergisst, wer über
die Prinzessinnen und elfenhaften Püppchen herzieht.
Philipp Weber, macht sich die Mühe, in seinen hochbrisanten (Ab-)Bildern solcher Tatjanas,
Selmas, Sharinas und Julianes, einmal hinter die Kulissen zu schauen.
Modelle in Pose gesetzt
Mit malerisch hinreißenden Mitteln- man beachte vor allem den Faltenwurf der Rüschenballkleider von
Tatjana und Sabine, aber auch jede einzelne Haarsträhne- setzt der junge Maler seine Modelle in Pose.
Aber wer posiert, lächelt doch. Webers elfengleiche Wesen tun das nicht. Stephanie hält ein rotes
Megaphon in der Hand und vor den Mund. Eigentlich ruft sie also. Sie will aber offensichtlich nicht
gehört werden. Nichts lässt darauf schließen. Unbeweglich ist ihr Gesicht. Traurig, leblos,
statisch, abwesend. Drei "Strandelfen" mit Libellenflügeln scheinen etwas zu sehen, was ihnen
unheimlich ist. Sehen so junge Mädchen aus, die abheben in jene Leichtigkeit des Seins, die ihnen
vorgegaukelt wird? Sicher nicht. Das ist auch nicht beabsichtigt. Philipp Weber hält in diesen
Bildern, die sich präsentieren wie Werbefotos ohne Produkt, mit seinen Geschöpfen den Atem an.
Als wolle er sie schützen. Um ihnen zu sagen, ihr müsst nicht immer das tun was andere wollen.
Es reicht schon, dass ihr euch so darstellt wie ihr sein sollt. Den Rest besorge ich jetzt einmal
für euch. Schaut, wie ihr mögt. Es ist gut. Ruht euch aus.
Unglaublich exakter Handwerker
Die Botschaft ist angekommen. Dieser Künstler ist neben seiner Absicht auch noch ein präziser,
auf guter alter malerischer Tradition basierender, unglaublich exakter Handwerker.
Und das im besten Sinn. Plastischer, perfekter, subtiler geht´s nimmer.
Man muss diese Art zu malen mögen. Man kann sie im Grunde nur mögen. Bei allem Vorbehalt.
Wer die Reduzierung, wer das Abstrakte sucht, ist fehl am Platz bei Ulrich Gering.
Mit einer Einschränkung. Auch jener, der diese Galerie meidet, muss wissen, dort gibt es sie
noch oder wieder, die meisterliche Art des Malens. Womit wieder einmal jener schlaue Mensch Recht
hat, der da sagte, niemand dürfe sich ans Abstrakte heranmachen, der nicht gelernt hat, mit dem
Altmeisterlichen anzufangen. Stimmt.
Gundel-Maria Busse